Die Steinpalme

 

Die Steinpalme (aus dem Märchenbuch "Wieviele Farben hat die Sehnsucht")

Es war Spätnachmittag, und es war ein Wind aufgekommen,
der leise über die Haare streicht und auf dem Gesicht
eine Ahnung von Kühle hinterläßt.
Es war die Zeit, die zum Erzählen verführt, ja, die
Lust auf Märchen wurde so zwingend, das alle den weisen
Raman baten, doch eine seine wundervollen Geschichten
zu erzählen.

Der kluge alte Mann lächelte. Er überlegte einen Augenblick
und rief dann: "Wir treffen uns an der Steinpalme, wenn
die Feuer angezündet werden!" "Steinpalme? Was bedeutet
das?" riefen Sie hinter dem Alten.
"Sucht sie!" Er sagte dies schon im Fortgehen. "Sucht sie!
Der Baum ist nicht zu verfehlen."
Noch ehe die nacht plötzlich hereinfiel, hatten sie den
Baum gefunden.

Neben den vielen Palmen am Strand, die in ihrer schlanken
Schönheit wie winkende Frauen zu sein schienen, stand diese
eine etwas abseits, doch so, daß ihre starken, dunkelgrünen
Blattfächer die neben ihr stehenden Bäume leicht berührten.
Es war eine eigenartig geformte Palme!
Sie wirkte gedrungen, mit einem mächtigen Stamm und starken
Fächern, die in ihren Bewegungen sichtbare Mäßigung zeigten
und nichts von der Heiterkeit hatten, die alle anderen Palmen
so weiblich machte.
Das Merkwürdigste aber war die Krone der Palme! Der Baum neigte
sich mit seinen Blattfächern zur Mitte hin.
"Seht nur genau hin", sagte der alte Erzähler, der sich in ihre
Mitte gesetzt hatte, "achtet auf das nächste Wehen des Windes."
Und sie konnten es sehen!

Als der Wind die Fächer der Bäume etwas auseinanderwehte, da
sahen sie es; Im Herzen der Palme, dort, wo sonst die neuen,
hellgrünen Triebe aus der Mitte des Stammes nach oben drängten,
lag ein mächtiger, rötlicher Stein, ein Stein, wie unzählige
am Strand herumlagen.
Raman ließ keine Zeit zum Fragen.
Mit einer weiten Armbewegung zeigte er, daß sich alle im
Kreis setzen sollten. Ein Feuer wurde in der Mitte angezündet,
und die Nacht kam schnell und fiel über alles wie ein dunkles
Tuch.
Der Schein des Feuers erreichte den Stamm der großen Palme
und malte auf den Schuppen bizarre Zeichen. Wenn eine Flamme
hell aufflackerte, konnte man die Krone des mächtigen Baumes
ahnen.

" Ihr wollt wissen, wie der gr0ße Stein dort oben
hinaufgekommen ist?" begann Raman seine Erzählung. " Nun, dies
geschah vor vielen, vielen Jahren, als diese Palme noch ein
winziger Bäumling war. Hier waren damals noch keine Häuser,
und es gab auch noch keinen Brunnen. Nur einige Palmen
standen am Strand. Ihnen und dem kleinen Palmbaum genügte das,
was sie aus dem Sandboden an Nahrung und vom Himmel an
Feuchtigkeit bekamen.
Die kleine Palme liebte das Meer und die Musik des Wassers.
Sie liebte den leisen Wind an den Spätnachmittagen und die
plötzlich hereinbrechende, oft kalte Nacht mit ihrer
schattenlosen Dunkelheit. Und sie liebte den Mond in den
klaren Nächten, dessen Licht harte Umrisse malt und auf dem
Meer lange Streifen zieht, die eine Ahnung von Unendlichkeit
geben.

Der kleine Baum wußte, daß wenige Meter hinter ihm die Wüste
war.
Aber er hatte keine Vorstellung von ihr, er wußte nicht, was
wasserlos und leer bedeutete. Er war ein kräftiger, glücklicher
Palmenschößling.
Bis zu dem Tag an dem der Mann kam!
Er kam durch die Wüste. Er war tagelang umhergeirrt, hatte sein
Hab und Gut verloren und war vor Durst und Hitze fast um den
Verstand gekommen. Seine Hände brannten wund vom vergeblichen
Graben nach Wasser, und alles an ihm und in ihm war
grenzenloser Schmerz. So stand er vor dem Wasser, vor dem
endlosen, weiten, salzigen Wasser.

Der Mann warf seinen ausgedörrten Körper in das Wasser,
aber in seinem Mund mit den aufgerissenen Lippen und der
dickpelzigen Zunge brannte der Durst, den das Salzwasser
nicht stillen konnte. Da packte ihn einen rasenden Zorn.
"Ich habe Anspruch auf Wasser!" schrie er. "Ich will leben,
weil ich einen Anspruch darauf habe!"
Er griff nach einem großen Stein. Sein Zorn gab ihm
Kräfte, die sein ausgedorrter Körper kaum noch hergeben
konnte, und er schrie, schrie über die Grenzenlosigkeit des
Wassers, schrie gegen die Unauslöschbarkeit der Sonne,
schrie gegen die Wüste und hinauf zu den unerreichbaren
Kronen der Palmen. Drohend hatte er den Stein erhoben.
Seine Arme zitterten, und es schien, als wolle alle Kraft
ihn endgültig verlassen. Da sah er neben den großen Palmen,
zwischen Geröll und Sand, den Palmenschößling stehen, in
hellem Grün und voller Hoffnung auf jeden neuen Tag.

"Warum lebst Du?" schrie der Mann. "Warum findest du Nahrung
und Wasser, und ich verdurste hier? Warum bist Du jung und
schön? Warum hast Du alles und ich nichts? Du sollst nicht leben!"
Mit aller noch vorhandenen Kraft preßte er den Stein
mitten in das Kronenherz des jungen Baumes. Es knirschte und
brach. Es war, als vervielfachte sich das Knirschen und
Brechen bis in die Unendlichkeit der Wüste und des Meeres.
Und dann kam eine entsetzliche Stille!
Der Mann brach neben der kleinen Palme zusammen. Zwei Tage
später fanden ihn Kameltreiber - man erzählt, daß er gerettet
wurde.

Von den Treibern hatte sich keiner um den kleinen, zerschmetterten
Palmbaum gekümmert. Er war unter der Last des Steines fast begraben,
sein Tod schien unausweichlich. Seine hellgrünen Fächerblätter
waren abgebrochen, und in der heißen Glut der Sonne verdorrten
sie schnell. Sein weiches Palmenherz war gequetscht, und der große
Stein lastete so schwer auf dem zierlichen Stamm, daß er bei
jedem leisen Windhauch abzubrechen drohte.
Doch der Mann hatte die kleine Palme nicht töten können. Er konnte
sie verletzen aber nicht töten.
Als sich in dem jungen Baum das entsetzliche Geräusch der brechenden
Zweige, das Zerfasern der jungen Triebe und der brennende Schmerz
zusammenballten, als alles eine ungeheure, wolkenähnliche Masse von
Schmerz und immer wieder Schmerz war, da regte sich gleichzeitig,
daneben, ohne Verbindung zum Schmerz und allen zerstörenden
Geräuschen, eine erste kleine Welle von Kraft. Und diese Welle
vergrößerte sich, fiel in die Wellenbewegung des Schmerzes, wuchs,
machte die Pausen zwischen Schmerz und Wieder-Schmerz länger und
länger, bis die Kraft größer wurde als der Schmerz.

Der Baum versuchte, den Stein abzuschütteln. Er bat den Wind,
ihm zu helfen. Aber es gab keine Hilfe. Der Stein blieb in der
Krone, dem Herzen der kleinen Palme. und rührte sich nicht.
" Gib es auf", sagte sich die kleine Palme, "es ist zu schwer.
Es ist dein Schicksal so früh zu sterben. Füge Dich! Laß Dich
selbst los. Der Stein ist zu schwer."
Aber da war eine andere Stimme, die sagte: "Nein, nichts ist zu
schwer. Du mußt es nur versuchen, du mußt es tun."
"Wie soll ich es tun?" fragte die Palme, "der Wind kann mir
nicht helfen. Ich stehe allein in meiner Schwachheit. Ich kann
den Stein nicht abwerfen."
" Du mußt ihn nicht abwerfen", sagte wieder die andere Stimme.
"Du mußt die Last des Steines annehmen. Dann wirst Du erleben,
wie Deine Kräfte wachsen."
Und der junge Baum nahm in all seiner Not seine Last an und
verschwendete keine Kraft mehr an das Bemühen, den Stein
abzuschütteln. Er nahm ihn in die Mitte seiner Krone. Er
klammerte sich mit langen, kräftiger werdenden Wurzeln in den
Boden, denn er brauchte mit seiner doppelten Last einen
doppelten Halt.

Dann kam der Tag, an dem sich die Wurzeln der Palme so
tief gesengt hatten, daß sie auf eine Wasserader stießen.
Befreit schoß eine Quelle nach oben, und sie hatte diesen
Platz hier zu einem Ort der Freude und des Wohlstands gemacht.
Nun, als der Baum festen Halt im Grund hatte und dort dauernde
Nahrung fand, begann er, nach oben zu wachsen. Er legte breite,
kräftige Fächerzweige um den Stein herum. Man konnte manchmal
meinen, daß er den Stein beschütze.
Sein Stamm gewann mehr und mehr an Umfang, und mochten auch
alle andere Palmen am Strand höher und lieblicher sein, der
Palmbaum, den die Leute bald die Steinpalme nannten, war
unbestritten der mächtigste Baum.
Seine Last hatte ihn aufgefordert, und er hatte den Kampf
gegen seinen Kleinmut aufgenommen.
Er hat diesen Kampf gewonnen.

Er hat eine Quelle freigelegt die seither den Durst vieler
löscht, und, was sicher das Wichtigste ist, der Baum hat
seine Last angenommen und hoch hinaufgewachsen .
Sie liegt auch heute noch auf seinem Herzen, aber sie ist
in seinem Dasein an eine Stelle gerückt, die sie tragbar
macht. Nur die äußere Last erscheint uns untragbar. Ist
sie angenommen, wird sie Teil von uns selbst.
Raman der Erzähler, legte beide Hände an den Stamm der
großen Palme. Das Feuer war fast niedergebrannt. Die
Zuhörer verließen einer nach dem anderen den Platz.
Nur einer blieb noch. Er war spät gekommen und hatte
ein wenig abseits gesessen.
Er setzte sich nun zu Raman, und beide saßen lange ohne
Worte.

"Ich bin der Mann, der den Stein auf die Palme gedrückt
hat", sagte der Mann. "Ich hatte es vergessen, doch Deine
Erzählung weckte alles wieder auf. Was soll ich tun? Ich
fühle Schuld."
" Dann trage diese Schuld wie der Baum den Stein",
antwortete Raman. "Nimm die Schuld an. Versuche, soviel
du vermagst, davon in Liebe zu verwandeln. Vergiß dabei
nicht, daß Liebe etwas ist, was man tun muß. Es nützt
nichts, sie nur zu erkennen und um ihre Notwendigkeit
zu wissen. Liebe ist Leben und wächst allein aus ihrem Tun."
Die Männer saßen noch lange unter der Palme, und es war
der Wind, der das Feuer wieder zum Brennen brachte.

von Pet Partisch

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