Der goldene Käfig

 

Die stolze Prinzessin oder: Der goldene Käfig

Ein Märche Es war einmal vor langer Zeit, da stand auf einem hohen Berg ein stolzes
Schloss. In diesem lebte ein stolzer König mit seiner stolzen Königin und der ebenso stolzen Prinzessin. Sie war stets mit den prachtvollsten Gewändern bekleidet und mit den edelsten Juwelen geschmückt. Ja man sagte sogar von ihr, dass sie noch nie in ihrem Leben auch nur mit dem kleinsten Stäubchen Schmutz in Berührung gekommen wäre. Sie aß nur die erlesensten Speisen aus fernen Ländern, serviert auf goldenen Tellern, und trank die edelsten Säfte aus diamantbestückten Gläsern.Alle Wünsche wurden ihr schnellstens erfüllt, alles durfte sie haben. Nur eines war ihr verboten, nämlich das Schloss zu verlassen. Ihre Eltern waren peinlichst darauf bedacht, dass sie ja nicht mit den ungehobelten Menschen des Volkes und ihren rauen Sitten in Berührung kam. Für den Fall, dass sie ohne Erlaubnis trotzdem hinaus ginge, würde sie ihren Stand als Prinzessin und alle hoheitlichen Rechte verlieren.Als die Prinzessin größer wurde, kamen auch viele Prinzen, die um ihre Hand anhielten, aber keiner war ihr gut genug. Der eine hatte einen langen Ritt bei Sturm und Regen hinter sich gehabt, den jagte sie davon, weil seine Haare noch nass und zerzaust waren. Einen anderen wieder verstieß sie, weil er nach einem langen Marsch über Berge und durch Wald und Flur ein paar Kratzer und ein Krümelchen Erde auf seinen Schuhen hatte. Und so ähnlich erging es allen anderen, welche die stolze Prinzessin als Braut heimführen wollten. Viele Jahre verbrachte sie in ungestillter Sehnsucht nach einem Prinzen der so perfekt war wie sie selbst. Nein, noch viel schöner und edler sollte er sein.Eines Tages kam auch der Königssohn aus dem Nachbarland in das Schloss. Auch er wollte um die Hand der Prinzessin anhalten. Mit allen Ehren führte man ihn in den Thronsaal, wo der stolze König, die stolze Königin und die stolze Prinzessin saßen. Der Prinz trat ein. Die stolze Prinzessin in ihren prachtvollen Gewändern und mit den edelsten Juwelen geschmückt erblickte ihn und verliebte sich sofort in ihn. Voll Begierde sprang sie auf und lief auf ihn zu. Der Prinz aber sah die Härte in ihrem Gesicht und sagte: „Haltet ein! ich kann Euch nicht heiraten, Ihr seid hässlich!“ Die Prinzessin erbleichte und erstarrte, als sie diese Worte hörte. Noch nie hatte ihr das jemals ein Mensch gesagt. Der König zürnte und ließ die Wachen rufen. Fluchtartig verließ der Prinz das Schloss. Gerade noch schaffte er es den Streitern des Königs zu entkommen.Verbittert und von unerträglicher Scham und Wut zerfressen zog sich die
Prinzessin in ihre Kammer zurück und beschloss zu sterben. Sie zerriss ihre prachtvollen Gewänder, warf ihren Schmuck in eine Ecke und zog sich das alte Gewand einer Magd an. In aller Stille verließ sie nachts das Schloss und versteckte sich in einem Wald, wo sie ihr Leben beenden wollte. Sie verhüllte ihr Gesicht, weinte und klagte. Zwei Tage und Nächte verbrachte sie so bei Regen und Nebel.
Am Morgen des dritten Tages aber hatten sich die düsteren Regenwolken vverzogen. Sie blickte auf und sah die Sonne, betrachtete staunend die Bäume, die Blumen und die Tiere. Noch nie zuvor hatte sie das alles so hautnah erlebt.Zum ersten Mal in ihrem Leben genoss sie das Licht der Sonne und ließ sich von ihren Strahlen wärmen, denn bisher kannte sie den Sonnenschein nur gedämpft durch dicke Scheiben und schwere Vorhänge. Ehrfürchtig blickte sie zu den hohen Bäumen hinauf. So groß sind sie in Wirklichkeit? Vom Schloss aus hatte sie nur die Wipfel erkennen können. Verzückt schnupperte sie an den kleinen Blümchen am Wegesrand. So herrlich hatten selbst die teuersten Parfums nicht geduftet. Keines ihrer prunkvollen Gewänder war nur annähernd so schön wie die frischen Blüten im Morgentau. Sie begann die kleinen und großen Tiere lieb zu gewinnen. Viele davon kannte sie nur als Braten auf dem
Teller. Bei diesem Gedanken kam eine tiefe Traurigkeit über sie und dicke Tränen rollten über ihre Wangen.Die einst so stolze Prinzessin aß jetzt die Beeren, Nüsse und Wurzeln aus dem Wald und trank kniend das Wasser aus den Quellen. Sie redete mit den Käfern und Würmern, bewunderte die Rehe und Hirschen in deren Anmut, sang mit den Amseln und Meisen die schönsten Lieder und spielte mit den Kieselsteinen des Weges, den herabgefallenen Zweigen und den bunten Blättern. Mit bloßen Füßen
lief sie über den weichen Waldboden und hüpfte mit Vergnügen in die Regenpfützen. Das alles bereitete ihr tiefe Freude, und bald vergaß sie das stolze Schloss, den stolzen König, die stolze Königin und den ganzen Hofstaat mit seinem Prunk. Sie spürte nur ein wunderbares Gefühl von Freiheit und Glück. Die Sonne war ihre Uhr und der Mond ihr Kalender. Lange Zeit verbrachte sie so im Wald.Eines Tages aber kam jener Prinz des Weges geritten, der sie damals so hart brüskiert hatte. Sie sah ihn schon von weitem, lief voll Scham davon und versteckte sich. Aber auch der Prinz hatte sie erblickt, und ein tiefes Gefühl der Zuneigung erfüllte plötzlich sein Herz. Er gab dem Pferd die Sporen, ritt hinterher und fand sie schließlich zusammen gekauert und vor Angst zitternd im Gebüsch, ihr Gesicht in den Händen verborgen. "Geh weg!"
schrie sie, "Ich habe nichts mehr, bin arm, schmutzig und habe alles verloren. Ich schlafe unter den Bäumen, esse was ich im Wald finde und trinke aus dem Bach." Sanft löste der Prinz ihre Hände, schaute sie an und sagte: „Jetzt bist du wahrhaftig schön, denn jetzt kommt deine Schönheit aus dem Herzen. Komm mit mir, denn nun will ich dich als meine Braut heimführen!“ Es dauerte lange, bis sie die Worte annehmen konnte. Es brauchte noch eine Zeit, bis sie sich traute, ihm in die Augen zu blicken. Doch schließlich kam ihr Vertrauen wieder und sie sah ein, dass es dem Prinzen nicht auf Äußerlichkeiten ankommt. Lange Zeit schaute sie ihn wortlos an. Sie sah sein vom langen Ritt durch den Wald schmutzig gewordenes Gewand und das vom Wind zerzauste Haar. Das war plötzlich ganz und gar unwichtig. Vol Glückseligkeit fiel sie ihm in die Arme ...(An dieser Stelle würden die meisten Märchen enden oder allenfalls noch die prunkvolle Hochzeit schildern, doch in dieser Geschichte hat die Prinzessin aus ihren Erfahrungen gelernt. Und so geht das Märchen noch ein bisschen weiter.)
.. Doch nach kurzer Zeit löste sie sich aus der Umarmung, wurde sehr ernst und sagte: "Du hast mich zwar vor langem tief verletzt, sodass ich schon sterben wollte. Ich bin aus dem Schloss geflohen und habe damit auf alles verzichtet, was für mich damals wichtig war. Jetzt bin ich dir dafür dankbar, denn das hat mein Leben verändert. Jetzt weiß ich, was es heißt zu leben. Ich bin ein Kind des Waldes geworden, frei und wahrhaft glücklich. An deinen Hof will ich dir nicht folgen. Dort würde ich mich als Gefangene fühlen und verkümmern. Denk daran: Ein goldener Käfig glänzt nur so lange, als man ihn von außen betrachtet. Ich habe ihn von innen erlebt und lange darunter gelitten. Ich will auf meine neue Freiheit nicht mehr verzichten. Besuche mich hier, wenn es dich zu mir zieht." Traurig trat der Prinz den Heimweg an.Der einst so fröhliche Königssohn wurde sehr ernst, und man sah ihn selten lachen. Aber manchmal war er am Hof nirgends aufzufinden, niemand in seinem Reich wusste, wo er sich aufhielt. Dann nämlich war er heimlich, still und
leise in den Wald geritten ...

 

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