Wann bin ich erleuchtet

 

Ein bedeutender Heiliger, Narada, ging ins Paradies ein. Er pflegte zwischen Paradies und Erde zu pendeln. Er fungierte als eine Art Postbote zwischen diesen beiden Welten; er war eine Brücke.

Er traf einen sehr alten Weisen, der unter einem Baum saß und sein Mantra rezitierte. Viele Jahre und Leben lang hatte er immer nur dieses eine Mantra wiederholt. Narada fragte ihn: „Möchtest du vielleicht eine Frage stellen? Oder eine Botschaft an Gott übermitteln?
Der alte Mann öffnete seine Augen und sagte: „Stell ihm bitte nur eine einzige Frage: Wie lange muss ich noch warten? Wie lange? Sag ihm, es wird mir zuviel. So viele Leben schon rezitiere ich immer nur dieses eine Mantra, wie lange muss ich damit noch fortfahren? Ich habe genug davon. Es langweilt mich.
Direkt neben dem alten Weisen saß ein junger Mann unter einem anderen Baum mit einer Ektara, einem einsaitigen Instrument, auf dem er spielte und zu dem er tanzte. Narada fragte ihn scherzhaft: „Möchtest auch du wissen, wie lange sich deine Erleuchtung noch hinzieht?“ Aber der junge Mann machte sich nicht einmal die Mühe, auf die Frage zu antworten. Er tanzte einfach weiter.
Narada fragte ihn noch einmal: „Ich gehe zu Gott. Hast du eine Nachricht für ihn?“ Aber der junge Mann lachte nur und tanzte weiter.
Als Narada wenige Tage später zurückkam, sagte er zu dem alten Mann: „Gott lässt dir ausrichten, dass du noch mindestens drei weitere Leben warten musst.“ Der alte Mann wurde daraufhin so wütend, dass er seine Gebetskette hinwarf. Beinahe hätte er Narada sogar geschlagen! Dann sagte er: „So ein Unsinn! Ich warte und warte und kasteie mich – singen, fasten, jedes nur erdenkliche Ritual habe ich befolgt. Ich habe alle Anforderungen erfüllt. Noch drei Leben – das ist ungerecht!“
Noch immer tanzte der junge Mann unter seinem Baum. Obwohl Narada Angst hatte, ging er zu ihm und sagte: „Du hast zwar nicht darum gebeten, aber aus Neugierde habe ich Gott trotzdem gefragt. Als Gott antwortete, dass der alte Mann noch drei Leben warten müsse, habe ich ihn auch wegen des jungen Mannes gefragt, der ganz in der Nähe tanzt und auf der Ektara spielt. Und da hat er geantwortet: "Dieser junge Mann muss so viele Leben warten, wie der Baum, unter dem er tanzt, Blätter hat."
Daraufhin fing der junge Mann an, noch schneller zu tanzen und sagte: „So viele Leben, wie dieser Baum Blätter hat? Dann dauert es ja nicht mehr lange, ich habe es fast geschafft. Denken sie doch bloß, wie viele Bäume es auf der ganzen Erde gibt und vergleichen sie sie mit diesem hier! So gesehen dauert es nicht mehr lange. Vielen Dank, mein Herr, dass Sie gefragt haben.“
Er nahm seinen Tanz wieder auf. Man sagt, dass der junge Mann augenblicklich erleuchtet wurde, in genau diesem Moment.

Wann immer Menschen sehr habgierig werden, sind sie auch sehr gehetzt, da sie auf immer neuen Wegen nach noch mehr Geschwindigkeit suchen. Sie sind ständig unterwegs, da sie glauben, ihr Leben könnte zu Ende gehen. Es sind genau diese Menschen, die den Satz „Zeit ist Geld“ im Munde führen.

Zeit ist Geld? Geld ist etwas sehr Begrenztes, während Zeit unbegrenzt vorhanden ist. Zeit ist nicht Geld, Zeit ist Ewigkeit – sie war immer schon da und wird es ewig sein. Auch du warst schon immer da und wirst es immer sein.
Wirf also deine Habgier über Bord und kümmere dich nicht um die Folgen. Es kommt mitunter vor, dass du viele Dinge nur wegen deiner Ungeduld verpasst.

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