Der kleine Paul

 
Kurzgeschichte über den kleinen Paul
Es war soweit. Gleich würden sie um die Ecke biegen auf den wunderschönen Bauernhof von Opa Schorsch. Endlich Ferien. Endlich wieder hier. Hier, wo sich Pferde auf der Koppel tummelten, die Schweine wieder neue Ferkelchen hatten und wo man so herrlich von der Tenne in riesige Heuhaufen springen konnte. Außerdem hatte Paul im letzten Jahr von Opa gelernt, wie man mit dem Werkzeug umgeht. Er durfte sogar helfen Zäune zu reparieren. Tante Mia lebte auch auf dem Hof. Sie war Mamas ältere Schwester und sie kochte immer so leckeren Schokoladenpudding.
Paul rutschte auf dem Rücksitz des Autos aufgeregt hin und her.
Hurra, da war es. Alles sah aus wie immer. Einfach wunderschön. Die Stallungen leuchteten weiß im morgendlichen Sonnenlicht. Die Hühner pickten im Hof herum, der Hofhund bellte ihnen entgegen und Opa Schorsch kam mit langen Schritten auf sie zu. Kaum war Paul aus dem Auto gekrabbelt, lag er auch schon an Opas Brust. Ahhh, wie gut das tat. Seine Bartstoppeln kratzten zwar, aber dafür roch er so gut. Nach Tabak, nach Holz und irgendwie nach Honig.

Mama fuhr dann später wieder. Sie musste ja arbeiten in der Stadt und konnte sich in den Ferien nicht um Paulchen kümmern. Aber das war überhaupt nicht schlimm. Denn bei Opa war es wie im Paradies. Alles war wunderschön. Alles. Nur eins nicht.

Das Kreuz. Das Kreuz war riesengroß und aus Holz. Es stand an der Wegbiegung zum Haus. Von klein auf hatte es Paul Angst eingeflößt. An dem Kreuz hing ein Mensch, auch aus Holz. Es sah schrecklich aus. Der Mensch hing dort und war an den Händen und Füßen dort festgenagelt. Außerdem hatte er ein Dornengestrüpp auf dem Kopf und es sah aus, als würde Blut über das Gesicht laufen.

Er würde mit Opa darüber reden, das nahm sich Paul ganz fest vor. Heute noch. Am Nachmittag fasste sich Paul ein Herz und fragte: „Opa, wer ist dieser Mann da an dem Kreuz ? Ich habe Angst vor ihm.“
Opa hatte gesagt, er brauche keine Angst zu haben. An dem Kreuz hinge Jesus, der Retter der Menschen. Jesus Christus, der Erlöser der Welt. Jesus, der reine Liebe ist und nichts als die Liebe. Paul verstand das nicht und fragte: „Warum hängt er denn dort an dem Kreuz?“


„Das haben die Menschen getan“, antwortete der Opa.

Am nächsten Morgen war Aufruhr im Hof. Dort standen der Zeitungsjunge, der Postbote und Tante Mia zusammen. Alle gestikulierten wild herum und zeigten sich erschreckt und besorgt. Tante Mia weinte sogar. Opa Schorsch stand ruhig daneben. Was war passiert ? Jesus war weg !
Irgendwer hatte über Nacht Jesus von dem Kreuz geschraubt. Dort war nur noch eine helle Stelle. Opa überlegte. War es ein Bösewicht oder ein Spaßvogel? Wer sollte so etwas tun ? Er ahnte etwas.

Wo war überhaupt Paulchen?
Komisch, der Kleine war doch sonst immer ein Frühaufsteher. Schlief er etwa noch? Opa Schorsch beschwichtigte die aufgeregte Runde und ging ins Haus. Leise stieg er die knarrenden Stiegen zum Gästezimmer empor. Dort lag sein kleiner Engel, der Lausbube Paul im großen Doppelbett. Und gleich daneben Jesus, genauso brav zugedeckt, ein weiches Kissen unter dem Kopf, wie Paul. Opa lachte und lachte, bis ihm die Tränen liefen.

Später beim Frühstück fragte Opa: „Warum, um Himmels willen, hast du den Jesus vom Kreuz geholt?“
„ Na“, murmelte der Kleine kauend, „von euch hats ja keiner gemacht. Jesus will doch die Menschen retten. Wie soll er das denn tun, wenn er da oben festgemacht ist? Er muss frei sein. Das ist doch eine klare Sache.“
Opa dachte sehr lange über diese Antwort nach.

Blanka Britt
Blanka Britt